Hebel

Spieltheorie

Chainstore-Paradoxon

Die formale Rationalität rät zum Nachgeben — doch wer die ersten Angreifer hart bekämpft, schreckt alle späteren ab.

Definition

Das Chainstore-Paradoxon von Reinhard Selten beschreibt einen Monopolisten, der in einer Reihe von Märkten nacheinander auf potenzielle Markteintreter trifft. Bei jedem Eintritt kann er kämpfen (Preiskrieg, Verluste für beide) oder nachgeben (moderate Gewinne teilen). Die Rückwärtsinduktion sagt: immer nachgeben — also treten alle ein. Das Paradoxon ist, dass diese „rationale" Lösung dem widerspricht, was intuitiv und praktisch funktioniert.

Struktur

Per Rückwärtsinduktion löst man das Spiel vom letzten Markt her auf: Im allerletzten Markt gibt es keinen künftigen Eintreter mehr abzuschrecken, also ist Nachgeben für den Monopolisten klar besser als ein verlustreicher Kampf. Da im letzten Markt feststeht, dass nachgegeben wird, lohnt sich auch im vorletzten kein Kampf — und so rückwärts durch die gesamte Kette. Ergebnis der formalen Theorie: Der Monopolist gibt überall nach, also tritt jeder ein. Das Paradoxe: Praktisch zahlt es sich aus, die ersten Eintreter trotz kurzfristiger Verluste hart zu bekämpfen, um sich eine furchteinflößende Reputation aufzubauen, die alle späteren Eintreter abschreckt und so die Monopolgewinne sichert. Die Auflösung liegt in Reputations- und Unsicherheitsmodellen, in denen die Einschätzung der Eintreter über den „Typ" des Monopolisten zählt.

Wann es auftritt

Bei Markteintrittsabschreckung und Reputationsaufbau über wiederholte, sequentielle Konfrontationen: räuberische Preissetzung (predatory pricing) eines Platzhirschen, ein Konzern mit vielen regionalen Märkten, der nacheinander Angreifer abwehrt, sowie das Projizieren von Stärke in internationalen Beziehungen, wo Glaubwürdigkeit über viele aufeinanderfolgende Krisen hinweg zählt.

Hebelpunkte

Der Hebel ist, die kurzfristige Einzelfall-Rationalität bewusst zu durchbrechen und stattdessen in eine glaubwürdige Abschreckungsreputation zu investieren: die ersten Angreifer auch unter Verlusten kompromisslos bekämpfen, damit künftige Eintreter den eigenen „Typ" als entschlossen einschätzen. Spiegelbildlich sollte ein potenzieller Eintreter den Reputationswert des Verteidigers richtig taxieren — und nicht naiv auf das ein-Schuss-rationale Nachgeben setzen.

Beispiele

Eine etablierte Handelskette, die in einer Stadt einen Preiskrieg gegen den ersten neuen Wettbewerber führt, obwohl er sie kurzfristig Geld kostet, um Nachahmer in anderen Städten abzuschrecken. Eine Großmacht, die in einer frühen Krise unnachgiebig auftritt, um in allen folgenden glaubwürdig zu bleiben. Ein Plattformbetreiber, der den ersten Klon aggressiv ausbremst, um Investoren weiterer Klone abzuschrecken.

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Verwandte Konzepte

Quellen: Selten (1978), The Chain Store Paradox, Theory and Decision · Kreps & Wilson (1982), Reputation and Imperfect Information, Journal of Economic Theory